Die Schwulenbewegung
Gab es sie? Gibt es sie? Was wissen wir von ihr? Was erfahren
wir von ihr? Es gibt schwule Gesangs- und Sportvereine, schwule
Jugendgruppen, große Events und Gay-Manager. Wo ist die
Schwulenbewegung? Was ist über-haupt eine Bewegung, was ist
eine Szene? Ein Referat über die Geschichte der Schwulenszene
und über Ansätze einer Bewegung.
In großer Aufmachung wurde der 100. Geburtstag der Schwulenbewegung
gefeiert. Die Gründung des WhK (Wissenschaftlich- humanitäres
Komitee) wird von einigen interessierten Leuten als Beginn der
Bewegung angesehen. Es gibt aber keine Bewegung, die sich mit
gleichen inhaltlichen Zielvorgaben an eine frühere Bewegung
anschließt und kann es auch nicht geben. Zu unterschiedlich
war in den unterschiedlichen Zeiten die Problemstellung für
unsere Leute und zu unterschiedlich war auch das Bewusstsein unserer
Leute über das, was sie seien. Jeder sucht sich heutzutage
aus der Vergangenheit "seine" Bewegung raus, auf deren
Ursprung er sich beruft, gemäß seiner heutigen Interessen.
Was man an politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen
Zielen für sinnvoll hält, ist letztlich abhängig
nicht nur unmittelbar von der eigenen Lage, sondern auch mittelbar
vom eigenen Bewusstsein darüber. Und das eigene Bewusstsein
darüber ist zum Beispiel auch davon abhängig, ob man
sich als Teil einer Gruppe mit Gemeinsamkeiten versteht, oder
ob man sich als Individuum sieht, das bei-spielsweise eine verhängnisvolle
Neigung in sich verspürt, die man selbst aus re-ligiösen
oder weltanschaulichen Gründen nicht für gut heißen
kann. Dann natür-lich wird das Bestreben darauf gerichtet
sein, diese Neigung bei sich und anderen zu bekämpfen, statt
zum Beispiel für gesellschaftliche Akzeptanz zu kämpfen.
Nehmen wir 1. einen schwulen jungen Mann heutiger Tage, der sich
gerade in seinem Coming-out befindet. Sein Bestreben ist, wenn
er seine Neigung für sich akzeptiert haben sollte, vorerst
darauf gerichtet, dass niemand es erfährt. Wenn er es aber
anderen sagen wollte, wäre sein Selbst-Outen damit verknüpft,
das Erscheinungsbild der Menschen, die diese (homosexuelle) Neigung
haben, möglichst "normal" wirken zu lassen. Gays
in diesem Zustand der eigenen Entwicklung streben also häufig
danach, die anderen Schwulen zu bevormunden oder zu moralisieren,
weil sie glauben, dass sie dann selber besser dastehen. Sie schämen
sich in Wirklichkeit noch dafür, dass sie schwul sind. Mit
Argusaugen streifen sie durch die Szene und versuchen alles, was
von heterosexuellen Normen abweicht, unsichtbar werden zu lassen,
was ihnen natürlich nicht gelingen kann. Als ihre Feinde
sehen sie nicht die Heten-Moralisten mit ihrem Normdruck auf uns,
sondern die nichtangepassten Schwulen an. Das tun sie, statt sich
für einen möglichst großen Entfaltungsspielraum
einzusetzen, der es uns erlaubt, so zu sein, wie wir sind, beziehungsweise
Wege auszubauen, die es uns ermöglichen, im Rahmen der vorgegebenen
gesellschaftlichen Normen (oder außerhalb) unsere Neigungen
konkret auch befriedigen zu können. Macht sich ein solcher
junger Mann zum Führer einer Jugendgruppe oder Coming-out-Gruppe,
dann ist das, was von diesem Teil unserer Bewegung oder Szene
rüberkommt, nicht auf per-sönliche und gesellschaftliche
Emanzipation bedacht. Es geht ihm dann erstens darum, Partner
kennen zu lernen und zweitens darum, auf Anpassung und Integ-ration
in die Hetenumwelt bedacht zu sein. Sein Maßstab ist: was
würden meine Hetenfreunde dazu sagen, und er möchte
vor allem unter ihrem kritischen Blick anerkannt sein und gut
dastehen.
Nehmen wir 2. einen Mann, der sich ganz mit seinen Neigungen identifiziert,
sie nun akzeptiert und es unverschämt findet, dass ihm die
Gesellschaft, vertreten durch heterosexuelle, lesbische oder schwule
MoralapostelInnen, den Weg verbauen will, sich glücklich
und zufriedenstellend auszuleben. Dann sucht er erstens nach anderen
Schwulen, die ebenso leben wollen, und braucht anderer-seits einen
scharfen Schnitt zwischen den normativen Selbstverständlichkeiten
der Gesellschaft und seiner lustvollen Insel, die er sich (und
anderen) schaffen will. Ihm geht es um Abgrenzung und Widerstand
gegenüber den Normen und der Gesellschaft, Integration kommt
für ihn also absolut nicht in Frage. Seine Schwulenbewegung
wird provozierend, für angepasste Schwule vielleicht heil-sam
sein können, sie wird den Heten den Spiegel ihrer Intoleranz
und Spießigkeit vor Augen halten. Mit dieser Position wird
er keine BündnispartnerInnen finden, weder im linken Lager
noch im schwulen. Die Linken fühlen sich von ihm brüs-kiert,
suchen sich lieber bürgerlichere Schwule, um sich tolerant
finden zu kön-nen, die Masse der Schwulen, die sich ihre
Homosexualität nicht ausgesucht hat und die Sehnsucht nach
Normalität verspürt, wenden sich mit Grausen gegen ihn,
tratschen über ihn, was das allerschlimmste an ihm ist, und
allen fällt etwas ein.
Stellen wir uns 3. einen Mann vor, der mit dem schwulen Thema
politisch erfolgreich sein will oder der einen schwulen Laden
führen will, beide müssen mit Politikern, Posteninhabern
und Behörden klüngeln, BündnispartnerInnen auch
unter Konservativen suchen, Geschäftspartner finden usw.,
der wird zwar möglicherweise früher einmal wie Typ 2
gedacht haben, aber seine politische oder wirt-schaftliche Vernunft
bringt ihn dazu, sich in weiten Teilen so zu verhalten, wie es
der Typ 1 in seiner Unwissenheit und Angst macht. Seine persönliche
Befriedigung erzielt der schwule Mann vom Typ 3 dann psychisch
aus dem wirtschaftlichen und/oder politischen Erfolg und physisch,
indem er Männer kennenlernen will, die ihn als erfolgreichen
Menschen anerkennen und sich deshalb auf ihn einlassen. Deshalb
ist er auch daran interessiert, dass der persönliche wirtschaft-liche
oder politische Karriereerfolg in seinem Umfeld zum Maßstab
wird.
Es ist vielleicht noch der Typ 4 vorstellbar, der für seine
in Punkt 2 erarbeiteten Ansichten wissenschaftliche Deckung zu
erlangen versucht und der dann missio-narisch tätig wird.
Daraus kann ein idealistisch motiviertes gesellschaftspoliti-sches
Engagement entstehen, das nicht unbedingt den Gesetzen der wirtschaftlichen
oder politischen Karriere mit ihren Kompromissen folgt. Er arbeitet
gesellschaftspolitisch allerdings nach dem Lustprinzip, ist in
dieser Arbeit bestätigt, wenn er so auch im zwischenmenschlichen
Bereich erfolgreich ist und ist ande-rerseits aber ziemlich schnell
entmutigt, wenn er dadurch eher in Isolation gerät. Er will
auch etwas von den Erträgen seiner aufopfernden Arbeit abhaben.
Ein gesellschaftspolitisches Engagement zugunsten der halbwegs
wissenschaftlich fundierte reine Lehre braucht viel Kraft und
Zeit, die den zwischenmenschlichen Kontakten verloren geht. Er
braucht eine längerfristige strategische Zielsetzung und
unterscheidet sich von dem Typ 2 in seinem Handeln vor allem darin,
dass er spontane Anwandlungen unterdrückt und sein Handeln
dann eher taktischen Überlegungen unterstellt. Ich glaube,
dass ich zu dieser Gruppe gehöre.
Historisch gesehen überwiegen immer in ihrem gesellschaftspolitischen
Handeln die einen oder anderen, unterstützt, behindert, ermutigt
oder zum Widerstand ge-nötigt durch Zeitgeistströmungen.
Und so können wir heute auf unterschiedlich strukturierte
Bewegungsansätze zurückblicken, die entweder ein wenig
erreicht haben, wie z.B. Ulrichs, der das Thema der mannmännlichen
Liebe in die wis-senschaftliche Diskussion der unterschiedlichsten
Disziplinen brachte, die aber auch scheiterten, wie zum Beispiel
Ulrichs, der erkennen musste, dass durch wis-senschaftliches Behandeln
die Lage der Schwulen nicht zu bessern war. Dies deshalb, weil
die Wissenschaftler eben auch Kinder der Zeit waren und sind,
zuallererst also Menschen mit einer eigenen speziellen Sozialisation
und den dazu-gehörigen Tabus und Vorbehalten. Die geistige
Führung der klugen Leute, diesen Mythos haben sich einige
geistige Führer in ihrem Elfenbeinturm wohl selbst ge-geben,
existiert kaum, in der wirtschaftlichen und/oder politischen Praxis
des Alltages macht man von Wissenschaftlichem nur dann Gebrauch,
wenn es wirtschaftlich oder politisch in den Kram passt. Der Ansatz
von Hirschfeld, obwohl er sich selbst in Berlin nicht als Schwuler
zu erkennen gab, der als Ursache der Homosexualität eine
Art Geburtsfehler annahm, war recht erfolgreich und scheiterte
letztlich an der Machtergreifung der Nazis. Ob er ohne Machtergreifung
der Nazis langfristig erfolgreich gewesen wäre, darüber
können wir nur spekulieren. Und der zeitgleiche konträre
Ansatz dazu, vertreten von Adolf Brand, (der von der Bisexualität
des Menschen ausging), scheiterte daran, dass Brand dann selbst
Nazi wurde, vielleicht auch, dass er älter wurde. Was sich
als Schwulenbewegung hierzulande zeigte und womit einige Gruppen
von heute den rückwärtsgewandten Schulterschluss versuchen,
ist schnell dargestellt.
Geschichte
Man fragt sich, was war vorher? Der Name Volkmar Sigusch hat für
die Kämpfer der 68er Sexrevolte einen guten Namen. Als Direktor
des Instituts für Sexualwissenschaft in Frankfurt untersucht
er die Bedeutung von Ulrichs und hält "in einem streitbaren
Essay" Ulrichs für den eigentlichen Gründer der
schwulen Be-wegung. "Viel von dem, was die "Bewegung"
ausmacht, nahm Ulrichs als Ein-zelkämpfer voraus: öffentliche
Widerreden, Demonstrationen und Anklagen; Streitschriften und
Eingaben an die Gesetzgeber und ihre Kommissionen; Vernetzung
der "Genossen", Einrichten eines Archivs des Pro und
Kontra und damit der Individual-, Sozial- und Kriminalgeschichte
bis dahin Gesichtsloser; Auflisten berühmter Männer
der Vergangenheit, die Männer geliebt haben sollen; Androhen,
namhafte Urninge der Gegenwart als solche zu entlarven, heute
Outing genannt; Umwerben und Auflisten der sich für eine
Entpönalisierung (Entkriminalisierung, js.) aussprechenden
Nichturninge; Konzeption eines "Urningbundes", Eirichten
einer Unterstützerkasse für in Not geratene Gleichgesinnte;
Gründen einer ersten Zeitschrift für sie; und nicht
zuletzt das, was erst einhundert Jahre später kollektiv möglich
wurde: öffentliches Sichbekennen, heute Coming-out genannt
- alles, wohlgemerkt, nicht im 20 Jahrhundert, sondern bereits
vor 130 Jahren". (Sigusch, Klappentext)
So lesen wir staunend im Buch von Sigusch "Einzelne Exemplare
seiner (Ul-richs´) Schriften waren bis nach Petersburg und
St. Louis gelangt, so daß er schließlich "mit
einer weitzerstreuten Schaar" bürgerlicher wie adliger
Mannliebhaber "im geistigen Verkehr" stand, darunter
Fabrikbesitzer und Handwerker, "bayrische richterliche Beamte
im activen Staatsdienst", "preußische Offiziere
im activen Militairdienst". Nach und nach wurde es "doch
ein wenig lächerlich", all diese ehrenwerten Herren
"kurzweg für Sünder und Verbrecher zu erklären".
Ulrichs erreichte zwar nicht die "größeren Massen"
der Urninge in den großen Städten, diese "stumpfsinnige
Heerden", denen es nur um ihr Vergnügen ging. In einem
kleinen Kreis "ehrenhafter Naturgenossen" aber entwickelte
sich dank sei-ner Bemühungen ein ebenso neuartiges wie kostbaren
Gut: das genossenschaftli-che Bwußtsein". Das widerum
hatte etwas zur Vorraussetzung, was "den Werth" seines
"Strebens in ganzer Größe" ausmachte, wie
ihm ein 25jähriger Urning aus Wien schrieb, etwas, was der
humane Kern seines Kampfes ist: "Selbstachtung". (Sigusch,
a.a.O. S. 19 f)
"Drei Jahre nach Ulrichs´ Tod gab Hirschfeld dessen
Schriften neu heraus, "leider mit geringer Pietät stark
kastriert", wie F. Karsch-Haack ebenso lapidar wie treffend
bemerkte. Das, was Hirschfeld nicht in seine Politik passte, zensierte
er, beispielsweise Ulrichs´ unverkrampfte Einstellung zum
Analverkehr ..." (Si-gusch, a.a.O. S. 39 f) "Was hätte
wohl Ulrichs dem Magnus Hirschfeld auf die Verstümmelung
seiner Schriften und damit seiner Gedanken geantwortet? Und was
hätte er zu Hirschfelds erster, 1896 unter dem Pseudonym
Th. Ramien veröffentlichten `Theorie´ gesagt? Einerseits
sah Hirschfeld die Liebe der Männer und Frauen zu Personen
des eigenen Geschlechts als etwas irgendwie Natürliches an
(...). Andererseits aber verglich er die Liebe der Sappho und
des Sokrates "mit einer angeborenen Mißbildung, welche
anderen Hemmungen der Evolution, der Hasenscharte, der Epispadie,
der geteilten Gebärmutter, dem Nabelbruch usw. gleichartig
an die Seite zu setzen ist". Wie aber wäre dem aufrichtigen
Ulrichs zumute gewesen, wenn er hätte erleben müssen,
daß die zwei Jahre nach seinem Tod von vier Männern,
darunter Hirschfeld, am 15. Mai 1897 in Charlottenburg bei Berlin
vollzogene Gründung des Wissenschaftlich-humanitäre
Komitees (WhK) von heute lebenden Kanonisierern der Geschichte
der Sodomiten, Päderasten, Urninge, Konträrsexuealen,
Homosexuellen und Schwulen aus Gründen der paßgenauen
Zentenarität zur "Geburtsstunde der Schwulenbewegung"
verklärt wird, obgleich es zeitige Schwule noch gar nicht
gab, den bekennenden Urning und historisch vorzeitigen Schwulen
Ulrichs und seine Aktivitäten sehr wohl." (Ulrichs a.a.O.
S. 40 f)
Wer war Hirschfeld? Dies soll ein Film von Rosa von Praunheim
aufarbeiten, der im März in die deutschen Kinos kommt: "Homo
Hirschfeld, So wurde in Ameri-ka der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld
(1868-1935) bezeichnet, der als erster der menschlichen Sexualität
mit wissenschaftlichen Methoden auf die Spur kommen wollte. Hirschfeld
bemerkt dazu allerdings, dass es ihm lieber wäre, wenn "Einstein
der Hirschfeld der Physik" genannt würde, und sorgt
damit für einen der wenigen heiteren Momente. Der Film zeichnet
sein Leben nach. Kindheit und Jugend werden nur kurz angerissen.
Erst als Hirschfeld (Kai Schuh-mann, Friedel von Wangenheim) anfangs
der 90er Jahre nach Berlin kommt und schon als Medizinstudent
über die falsche Darstellung der Homosexualität als
Krankheit empört ist, setzt der Film richtig ein. Fortan
folgt er möglichst genau den historischen Ereignissen und
erlaubt sich nur im wenig überlieferten privaten Bereich
Freiheiten. Als Arzt und Sexualwissenschaftler ist Hirschfeld
recht erfolgreich. Höhepunkte sind die Gründung des
Institutes für Sexualwissenschaft und Vortragsreisen in alle
Welt. Die Erfüllung einer selbstgestellten Aufgabe, die Abschaffung
des 175, der Homosexualität bestraft, ist ihm aber nicht
vergönnt. Dabei versagt er sich jahrzehntelang, seine eigene
Homosexualität auszuleben, um seine Arbeit nicht zu gefährden.
Erst jenseits der 50 bekennt sich Hirschfeld zu seinen Liebesgefühlen.
Der Machtantritt der Nazis zerstört sein Werk zunächst
in Deutschland. Doch wir wissen, dass sich inzwischen seine Träume
von der Gleichberechtigung der Homosexuellen weitgehend erfüllt
haben.
Der Film erzählt etwas hausbacken einzelne Lebensstationen
des prominenten Arztes. Zeitgenössische Aufnahmen werden
mehrfach kurz eingeblendet. Sie behindern aber nur den ohnehin
holprigen Erzählfluss und drängen den Film in Richtung
Dokumentarfilm, der er nicht ist. Man muss schon Interesse für
die Biographie Hirschfelds mitbringen, dann ist der Kinobesuch
durchaus interessant. Rosa von Praunheim hat mit Ben und Meret
Becker sowie Otto Sander prominente Schauspieler für sein
Filmprojekt gewonnen. Sympathie erweckt er auch damit, dass er
ostdeutschen Akteuren eine Chance gibt. Neben Gerry Wolff ist
z.B. in einer kleinen Rolle Angelika Mann zu sehen, einst bekannt
als "die Lütte". (Klaus Schipschack - Ventura Film,
Bundesstart: 9. März)
Was die damaligen Bewegungen auszeichnete, war, dass sie kleine
Gruppen von engagierten Leuten waren, während die Masse der
Männer, die Sex mit Männer ersehnten oder erlebten,
davon kaum Notiz nahm. Durch die Katastrophe der Nazi-Verfolgung
waren diese Ansätze erst einmal unterbrochen. Eine Szene
gab es früher und auch in der Nazi-Zeit und danach durchaus,
eine Bewegung gab es lange nach der Nazi-Zeit nicht.
"Unsere Schwulenbewegung"
Nach dem 2. Weltkrieg und dem Terror des deutschen Nazi-Staates
war die große Freiheit für die Schwulen noch immer
nicht angebrochen. Der von den Nazis verschärfte § 175
StGB blieb weiterhin gültig, wonach jegliche männliche
homo-sexuelle Handlung unter Strafe gestellt wurde, und nicht
unter irgendeine Strafe, sondern bis zu 5 Jahren Zuchthaus. Das
Bundesverfassungsgericht urteilte am 17.12.53, dass die Rechtvorschriften
im Jahre 1935 "ordnungsgemäß erlassen und von
den Mitgliedern der Rechtsgemeinschaft hingenommen und seither
jah-relang unangefochten bestanden hätte ..." Also war
der Versuch, die männliche Homosexualität und die männlichen
Homosexuellen auszurotten, verfassungs-konform. Auch der Hinweis
eines Klägers, dass in Artikel 3 Absatz 2 des GG die Gleichberechtigung
von Mann und Frau vorgeschrieben sei und weibliche homo-sexuelle
Handlungen nicht bestraft wurde und werde, nützte wenig.
"Der Grundsatz der Gleichberechtigung", so das BVG am
10.05.57, könne "für die gesetzgeberische Behandlung
der männlichen und weiblichen Homosexualität keinen
Maßstab" abgeben, denn "auch für das Gebiet
der Homosexualität rechtfertigen biologische Verschiedenheiten
eine unterschiedliche Behandlung der Geschlechter ... Schon die
körperliche Bildung der Geschlechtsorgane weist für
den Mann auf eine mehr drängende und fordernde, für
die Frau eine mehr hinnehmende und zur Hingabe bereite Funktion
hin." Anders als beim Mann würde "die Frau unwillkürlich
schon durch ihren Körper daran erinnert, daß das Sexualleben
mit Lasten verbunden" sei, was sich darin niederschlage,
"daß bei der Frau die kör-perliche Begierde (Sexualtrieb)
und zärtliche Empfindungsfähigkeit (Erotik) fast immer
miteinander verschmolzen sind, während beim Manne, und zwar
gerade beim Homosexuellen, beide Komponenten vielfach getrennt
bleiben. So gelingt der lesbisch veranlagten Frau das Durchhalten
sexueller Abstinenz leichter, wäh-rend der homosexuelle Mann
dazu neigt, einem hemmungslosen Sexualbedürfnis zu verfallen."
Was nun die Lesben anbeträfe, so weise "der auf Mutterschaft
an-gelegte Organismus der Frau unwillkürlich den Weg ...
auch dann in einem übertragenen Sinne fraulich-mütterlich
zu wirken, wenn sie biologisch nicht Mutter ist ..."
Auch eine Verfassungsklage mit der Begründung, dass durch
den § 175 StGB die freie Entfaltung der Persönlichkeit
beeinträchtigt werde, wiesen die Verfassungsrichter zurück.
Dieses Recht sei durch die verfassungsmäßige Ordnung
begrenzt, "wenn feststeht, daß die soziale Gemeinschaft
die Handlung eindeutig als im Widerspruch zu dem Sittengesetz
bestehend betrachtet, das sie allgemein als für sich verbindlich
anerkennt ... Unsittliche Gesetze gehören nie zur verfas-sungsmäßigen
Ordnung ... Gleichgeschlechtliche Betätigung verstößt
eindeutig gegen das Sittengesetz." Wer bestimmt aber, was
sittlich ist? Entscheidend sei "daß die öffentlichen
Religionsgemeinschaften, insbesondere die beiden großen
christlichen Konfessionen, aus deren Lehre große Teile des
Volkes die Maßstäbe für ihr sittliches Verhalten
entnehmen, die gleichgeschlechtliche Unzucht als un-sittlich verurteilen".
Dies war die Ausgangssituation, die begleitet war von Polizeispitzeleien,
rosa Listen, in denen bei der Polizei der Homosexualität
verdächtige Personen aufgelistet waren, denn das waren ja
"potenzielle Kriminelle". Homosexuelle Männer könnten
ja irgendwann mal kriminell werden, nämlich Sex haben, und
dadurch waren sie dann Sexualstraftäter oder Sexualverbrecher.
Es gab Polizisten, die sich als Schwule ausgaben, in den Lokalen
eindeutige Angebote machten und dann die festnahmen, die darauf
eingehen wollten. Mir wurde berichtet, dass sich einige von ihnen,
die in Klappen ihre Opfer suchten, vorher einen blasen ließen,
bevor sie ihre Opfer verhafteten.
Die Schwulen in den Lokalen wollten nicht auffallen, das war ihre
Überlebenshaltung schon seit der Nazizeit. Deshalb war ihr
Entsetzen groß, dass unter den wildgewordenen Studenten
der 68er Revolte welche waren, die frech und besonders auffällig
im Fummel demonstrierten, die sich den rosa Winkel als Erkennungszeichen
anhefteten, mit dem die Nazis die homosexuellen Häflinge
zur Warnung der anderen Häftlinge gekennzeichnet hatten.
Diese Schwulen, die 68er schwulen Demonstranten, die sahen das
sittliche Empfinden der Gesellschaft nicht als ihres an, die staatliche
Ordnung nicht als etwas achtenswertes, die Gesetze nicht als Schutz
ihrer Interessen, die Polizei nicht als Freund und Helfer usw.
Sie achteten nicht darauf, unerkannt zu bleiben, sondern taten
genau das Gegenteil.
Es war dies meiner Meinung nach keine Schwulenbewegung, obwohl
sie sich so nannte, sondern es war der schwule Fettfleck auf den
schönen Fahnen der 68er Bewegung, ein ungeliebtes Anhängsel
der 68er. Die anderen 68er nämlich kamen durch die frechen
Schwulen auch in ein Dilemma. Einerseits wollten sie Schwule natürlich
nicht unterdrücken und verfolgen. Andererseits aber wollten
sie selbst nicht für schwul gehalten werden, in der Nähe
der sichtbar auftretenden Schwulen. Die netten schwulen Leute
unterstützen, das wollten sie schon irgendwie, wenn es denen
nicht tatsächlich um Sex gehen würde, um wirklichen
schwulen Sex der schlimmsten Sorte. Konnte man dann noch dafür
eintreten?
Es war dies in dieser Situation unsere Chance, Verbesserungen
durchzusetzen, wenn wir uns nur genügend öffentlich
machten. Es ist vorgekommen, dass in schwulen Lokalen Bewegungsschwestern
von Lokalgängern geohrfeigt wurden, weil sie im Fernsehen
grell geschminkt, sexuell aufreizend zu sehen gewesen waren, was
die Lokalgänger als eine Gefahr ansahen.
Diese Schwulenbewegung unterstützte auch die entstehende
Frauenbewegung in ihrem Streit gegen die machogewohnten Genossen.
Man hatte erkannt, dass es den Schwulen immer dann besser ging
und geht, wenn die Frauen größere Rechte hatten, und
schlechter, wenn man Frauen in engere Verhältnisse zwängte.
Das löste so manchen Irrtum aus, nämlich den, dass es
an der Weiblichkeit liege, was den Schwulen und seine Unterdrückung
ausmache. In Wirklichkeit ist es so, dass die Unterdrückung
der Schwulen dann zunahm, wenn die Geschlechterrollen wieder enger
definiert wurden, was auch Frauen zu Opfern machte, denn die enge
auf die Mutterrolle reduzierte Frauenrolle dieser Zeit unterdrückte
die Frauen eben besonders. Uns würde es aber auch nicht besonders
gut gehen, wenn das engere Festlegen auf Geschlechterrollen frauendominiert
wäre. Es geht um die Unfreiheit der engen Geschlechtsrollenbilder
und das sich daran nicht Anpassen-Können oder auch Anpassen-Wollen.
Deshalb ist der richtige Ansatz dagegen der Kampf um Emanzipation,
der Kampf um das Recht, als Individuum anders sein zu dürfen,
als man sein soll, der Kampf um individuelle Gestaltungsfreiheit
und nicht zum Beispiel der Kampf um Anpassung und Integration.
Die Schwulenbewegung stand ideologisch zumeist auf der Seite unterdrückter
Minderheiten, auch dann, wenn in diesen Minderheiten Homosexualität
unterdrückt wurde. Das machte uns blind gegenüber der
Homosexuellenunterdrückung in den nationalen Befreiungsbewegungen
gegen den Neokolonialismus und in vielen "sozialistischen"
Ländern. In der sogenannten Subkultur fühlte man sich
beengt und unwohl. Ich selbst floh aus der spießbürgerlichen
Subkultur in die linke Szene, die sehr moralisch argumentierte,
und aus dieser Szene wieder in die miefige Subkultur, wo man es
wenigstens treiben konnte.
Wir argumentierten und kämpften für das Ausleben unserer
Homosexualität mit und gegen linke Dogmatiker, und in den
diversen linken Blättern, die ich heraus-gab, bemühte
ich mich zum Beispiel in der Schwulenszene um ein wenig mehr Mut
und Weltoffenheit.
Viele der ehemaligen Kämpfer von damals leben nicht mehr,
sie sind an Aids gestorben. Andere haben geholfen die Aidshilfe
auszubauen und sich darin zerrieben, wieder andere haben ihre
Neigung zum Beruf gemacht und haben sich beim Marsch durch die
Institutionen in ihnen verfangen. Noch andere haben Lokale eröffnet
und eine immer kommerziellere Infrastruktur mit ausgebaut. Von
ihnen sind keine aufrührerischen Töne mehr zu vernehmen.
Einige blieben ihren Idea-len treu und gerieten schrittweise in
die Isolation, man wurde ja such älter, oder sie waren erfolgreich
uns wurden politisch liquidiert, indem ihnen von den nachwachsenden
gerade das sexuell Freche zum Vorwurf gemacht wurde. Wäh-rend
sich die Bewegung von Damals also in alle 4 Winde zerstreute,
wuchsen neue Kräfte nach, die schrittweise die heutige Bewegung
vorbereiteten. Da die brisanten und direkten Diskriminierungen
langsam aber stetig zurückgedrängt wurden, waren Funktionäre
der nachwachsenden Bewegung auf der Suche nach Themen, die ihnen
Posten und Einfluss sichern können. Da sie sich immer weiter
professionalisieren, gelingt es ihnen, eine so enge subkulturelle
Verzahnung her-zustellen, dass hier eigentlich die Subkultur mit
ihren Marktgesetzen handelt. Ein wirklicher politischer Kampf
findet nicht mehr statt, aber die "Bewegung" ist so
breit geworden, dass Ziele wie Emanzipation und individuelle Selbstbestimmung
als Ziel hinter Karriere-, Erfolgs- und Wirtschaftsinteressen
zurückgetreten sind. Man ist integriert, man ist "normal"
geworden.
Gab es sie also, die Bewegungen?
Nun, ich meine, es gab sie, nämlich um Ulrich, um Hirschfeld,
um die 68er herum.
Gibt es sie?
Na ja, vielleicht um die Gay-Manager, den Gay-Bussyness, die Jugendschützer
und halbstaatlichen Stellen herum.
Was wissen wir von ihr? Was erfahren wir von ihr?
Von der früheren das, was heute einigen Leuten politisch
in den Kram passt, wie es Ulrichs bei Hirschfeld erging. Von der
heutigen, dass es einige Leute in einigen Parteien gibt, die sich
um die Homoehe und weitere Integration bemühen, bunte nichtssagende
Blätter herausgeben und einmal jährlich große
Feste ma-chen, bei denen zumeist das getan wird, was das ganze
Jahr in den Lokalen auch getan wird, nur dann öffentlich.
Wo ist die Schwulenbewegung?
Es gibt schwule Gesangs- und Sportvereine, schwule Jugendgruppen,
große E-vents und Gay-Manager. Es gibt Schwulenpolitiker
in Parteien und in Behörden und es gibt derzeit nur noch
restliche Bewegungsleute, die vor Gefahren warnen, denen niemand
mehr zuhören will.
Eine heutige neue Schwulenbewegung müsste, um Biss haben zu können, den Individualismus gegen Marktstrukturen verteidigen, das Recht auf Eigenständiges, freies, unangepasstes auch gegen die Funktionäre der Bewegung einfordern. Sie müsste sich gegen den Neokonservativismus wie gegen den Wirtschaftsliberalismus zur Wehr setzen, was wenig Anhänger und Mitstreiter bewegen würde und für mehr für sexuelle Provokaton und Freiheit gegen Ehemuff und Partnerschaftskrampf behaupten. Dafür sind aber die Zeiten schlecht. (js)